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Die Zirkus-AG lebt wieder
-mit Spaß und Disziplin auf zwei Aufführungen hingearbeitet

Nach langer Zeit der Pause wurde aufgrund vieler Wünsche die Zirkus-AG unserer Schule wieder in den Schulalltag mit einbezogen. Viele Kinder der Klassen 3 bis 8, die noch unentschlossen waren, fühlten sich spätestens nach der Monatsfeier vor den Sommerferien bestätigt, doch teilzunehmen.

Die damalige 7.Klasse (Frau Brockmeier) kam von einer Zirkus-Klassenfahrt zurück und zeigte einen Teil ihres erarbeiteten Könnens mit so viel Begeisterung der ganzen Schule, dass der Funke nicht mehr erlosch.






Zum ersten Treffen erschienen knapp 50 Kinder, beim zweiten waren es kaum weniger, so dass dringend Unterstützung gebraucht wurde. Frau Hafiz von Eltern- und Herr Irimescu von Schulseite boten sich netterweise an und halfen mit, den begeisterten Kindern die Zirkuskünste nahe zu bringen. Ganze sechs Wochen hatten wir Zeit ein Programm auf die Beine zu stellen, das im Rahmen der bundesweiten Waldorfwoche zur Aufführung kommen und ebenfalls auf unserem traditionellen Herbstfest gezeigt werden sollte.

Recht schnell stellte sich heraus, wer für die Akrobatik, das Einradfahren, die Balljonglage, das Diabolowerfen oder das Feuerspucken besondere Neigungen hatte und dann wurde geübt, zudem sehr selbstständig geübt, was uns Erwachsene mit freudigem Staunen erfüllte. Denn von Woche zu Woche kam der erste Aufführungstermin näher, was nicht nur bei den Akteuren, sondern auch bei den Anleitern zu mulmigen Gefühlen führte.

Auf dem Rathausplatz in Walsrode wollte jeder die Schule aufs Beste präsentieren, später natürlich beim »Heimspiel« auf dem Basketballplatz im Rahmen des Bunten Nachmittages ebenfalls. In der Zwischenzeit hatte sich der Musiklehrer Herr Zettel aus der Ita Wegmann-Schule bei uns gemeldet, der uns erzählte, dass es ihm eine seiner liebsten Beschäftigungen sei, auf seinem Keyboard Schul-Zirkusgruppen zu begleiten. Begeisterung! Zuerst leicht irritiert reagierten die Übenden, als auf einmal flotte Klänge bei den Proben erklangen, denn die Musik machte das, was die Akteure vorgaben. Sogar das Herunterfallen vom Einrad war musikalisch zu hören.

Netterweise hatten die Klassenlehrer für einen Hauptunterricht alle Schüler frei gestellt, so dass einer echten Generalprobe nichts mehr im Wege stand. Welch ein Elend, lag es an der morgendlichen Zeit? Oder konnten einige mit der nahenden Aufführung nicht umgehen? Diese Generalprobe ging in fast allen Teilen deutlich daneben! Am Morgen des 29. Septembers regnete es nicht nur, es schüttete! Fällt die heutige Aufführung aus, war eine der häufigsten gestellten Fragen an diesem Mittwochvormittag. Natürlich nicht, denn um 16 Uhr wird die Sonne scheinen, war eine Standardantwort von mir.

Ab Mittag war es trocken, aber der Himmel zeigte ein finsteres Gesicht. Egal! Kurz vor Beginn bekamen wir dann den gut gemeinten Tipp, die Turnmatten doch lieber unter ein Dach zu legen, denn der Himmel sei doch schwarz. Wir standen alle sowieso nur nichtsnutzig herum und taten wie uns geheißen wurde. Irgendjemand hatte den Schalter umgelegt, denn pünktlich zu Beginn der Vorstellung schien die Sonne, so dass einige der zahlreichen Zuschauer mächtig die Augen kneifen mussten. Diese musste auch unser Musiker Herr Zettel, der sich aber davon nicht irritieren ließ, sondern immer den rechten Ton fand, wenn auch die Lautstärke etwas zu gering ausfiel. Die vorbeifahrenden Autos machten mächtig Lärm. Sebastian Jaschina und Lukas von Schulz eröffneten das Programm mit einer Clownjonglage, ehe Sebastian gekonnt die Keulen durch die Luft schwang und zu Recht viel Applaus bekam.

Aufgeregt schlichen sich Finn Modarai, Anselm Kruse, Max Julius Müller, Lukas und Jakob Neumann sowie Lars Meyer mit ihren Diabolos auf die »große« Bühne und zeigten nicht nur ihr Einzelkönnen, sondern spielten sich in bester Manier gegenseitig das Flugobjekt zu. Große Erleichterung nach dem Schlussapplaus bei den sechs Akteuren. Die Einradfahrer Anne Kranstöver, Malaika Modarai, Kim Delventhal, Lukas von Schulz, Imke Liebert und Hilke Barnewold fuhren rasant ihre verschiedenen Nummern vor, unterstützt von ihren »Dienern«, denn hier auf dem Walsroder Rathausplatz brauchte man kräftige Stützen, an denen man sich festhalten konnte.

Nach der gelungen Einradshow beeindruckt Sebastian mit seinen Feuerkeulen nicht nur die kleinen Zuschauer. Als dann Jakob Neumann ruhig und nur mit einem Becher und einer brennenden Keule bewaffnet die Bühne betrat wurde es still, doch als die erste Flamme aus seinem Mund heraus stieß, blieb bei einigen selbiger eine ganze Weile offen stehen und erst beim zweiten und dritten Mal klappte er dann wieder zu.

In Höchstgeschwindigkeit legten Svenja Meyer, Lena Schade, Joel Schalkowski, Alina Streek, Monia Afroune, Marie Ehrenstein, Lea Falk, Isabel Morgenroth, Lilia Riedel, Faiza Tabassum, Sophie Wandschneider, Hanna Loos, Simon Wiegandt und Tobias Schwessinger die zehn Matten auf die Bühne und begannen mit ihren schwierigen Akrobatiknummern. Als letzte Nummer wurden alle Akteure der Zirkus-AG in eine Riesenpyramide »verbaut«, was dann auch den Abschluss der Vorführung bildete. Nur Minuten später fing es an zu regnen. Danke!

Mit dem Wetter hatten wir am Sonntag auf dem Basketballplatz nicht zu kämpfen, aber mit der bedrohlich anschwellenden Menschenmasse. Waren es in Walsrode ca. 100 Zuschauer gewesen, fanden sich hier geschätzte 300 ein. Einige Kinder schlugen spontan vor, die Aufführung auf einen anderen Termin zu verlegen. Diesmal klappte alles noch besser als beim ersten Mal, die Musik von Herrn Zettel passte sich wieder in wirklich hervorragender Weise den Akteuren an und war auch überall zu hören!

Einige Schüler mussten direkt nach der Aufführung ihr Einrad gegen eine Geige tauschen, weil sie auch zur Begleitung des Abschlusssingens gebraucht wurden. So ist das einfach mit diesen Allroundtalenten! Wer das Strahlen in den Kinderaugen bemerkt hat, der kann sich vorstellen, dass es für die anleitenden Lehrkräfte keine zusätzliche Motivation braucht, freudig in die Zukunft zu schauen.

Alle, die die anstrengende Woche gesund überstanden hatten, standen am nächsten Tag pünktlich zum AG-Termin auf der »Matte«. Mit Kuchen wurde erst einmal kräftig gefeiert, doch alle zog es sehr schnell wieder ins Tun, so dass die Reifen der Einräder nicht zum Stillstand kamen. Auch, wenn zunächst keine weiteren Aufführungen geplant sind, freuen sich alle, auch die neu Hinzugekommenen, wieder etwas Neues zu lernen oder an der einen oder anderen Stelle noch geschickter zu werden.

Michael Delventhal (Lehrer)


Hintergrund

Die Zirkuskünste haben von jeher schon immer eine große Faszination bei allen Menschen und besonders bei Kindern ausgelöst. Aber was ist es denn, was es so besonders wertvoll für die Entwicklung der Kinder macht?

Der Begründer der Waldorfschulen, Rudolf Steiner, hat seinen Lehrern den Rhythmischen Teil des Hauptunterrichts besonders ans Herz gelegt, denn durch das vielfältige Tätigsein des eigenen Leibes kann sich die Denkfähigkeit viel kraftvoller entwickeln, als wenn nur abstrakt auf die zu lernenden Unterrichtsinhalte geschaut wird. So bekommen die Kinder von der 1.Klasse an durch Fingerspiele, rhythmisches Klatschen, Orientierungsaufgaben, körpergeographische Übungen, Stricken, Flöten etc. eine Basis, auf der die Ausbildung ihrer späteren Denkfähigkeiten basiert. Das Zirkusmachen schließt dort nahtlos an, nur das durch die Faszination Zirkus noch ein besonderer Motivationsfaktor hinzukommt.

Hier werden auf vielfältigste Weise alle Sinne auf fast spielerische Weise geschult, besonders sei hier auf die Schulung des Gleichgewichtssinnes beim Einradfahren hingewiesen, wo Konzentration und innere Spannkraft nach und nach gestärkt werden, bis der Bewegungsablauf selbstverständlich wird und der Raum nicht nur »erfahren«, sondern auch innerlich erfasst wird. Mit dieser gewonnenen Leichtigkeit und Wachheit können dann weitere Aufgaben folgen. So wird dann nicht nur Einrad gefahren, sondern wie nebenbei noch jongliert, was ein Höchstmass an Koordination erfordert. Oder auch mit anderen Einradfahrern gemeinsam Figuren gefahren, wo die Wahrnehmungsfähigkeiten und das Soziale enorm gefordert sind.

Immer wieder aufsteigen und noch einmal probieren und nicht aufgeben, solange bis es klappt. Ist das nicht eine enorme Willensanstrengung, die sich später fruchtbar auch auf andere Gebiete auswirken wird? Auch bei der Balljonglage werden das rhythmische Fangen und Loslassen mehr und mehr zur Selbstverständlichkeit, so dass schon bald verschiedenste Variationen eingeübt werden können. Das ständige Überwinden der Schwerkraft erfordert nicht nur ein hohes Maß an Geschicklichkeit, sondern auch große Konzentration, Flexibilität Beweglich -und Wachheit und Frustrationstoleranz.

Weil von den Zirkuskünsten eine unbeschreibliche Eigenwirkung ausgeht, fällt es vielen Kindern einfach viel leichter, sich auf diesem Gebiete zu »quälen«, als zum Beispiel bei der Lösung einer mathematischen Aufgabe, wobei man zumindest einmal in den Raum stellen darf, dass die Quintessenz vielleicht die Gleiche sein dürfte?

Die Kinder empfinden sich während des Jonglierens oder Einradfahrens als Zirkusartisten, sind also mit Leib und Seele aufs Tiefste mit ihrem Tun verbunden - ein Erlebnis, was stark in die Entwicklung ihrer Persönlichkeitsstruktur positiv eingreift.

Ganz wichtig ist es auch, dass nicht jeder nur an seine Darbietungen denkt, sondern stets wachen Auges das Geschehen der anderen mitverfolgt und bei Bedarf schnell und hilfreich zur Seite steht, mitfiebert und sich am ganzen »Zirkus« erfreut. Solch ein Gruppenerlebnis schweißt zusammen und ist besonders wertvoll, wenn verschiedene Alterstufen zusammen ins Tun kommen. Der Applaus nach einer Vorstellung weckt die Kinder wieder auf, der Traum ist vorerst vorbei, ein schöner Traum.

Michael Delventhal


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